Florian Born
Marketingmensch bei Carrot & Company.
Produziert Content im Schlaf. Andere Leute nennen das "träumen".
5 Minuten
Artikel am 11. November 2019 gepostet
Story Points: Warum wir Aufgaben nicht nach Zeit planen
5 Minuten
Artikel am 11. November 2019 gepostet
Klassische Planung nach Zeit ist starr, übertrieben genau und macht unnötigen Druck. Zum Glück gibt es eine Alternative.

Klassische Planung nach Zeit ist starr, übertrieben genau und macht unnötigen Druck. Zum Glück gibt es eine Alternative.

Wir – also wir als Spezies Mensch – sind miserabel darin, Aufwand abzuschätzen. Deshalb muss sich jetzt auch niemand schlecht fühlen. Das ist nicht unsere Schuld. Also nicht wirklich. Stattdessen können wir die Schuld auf die Planning Fallacy schieben, einem Trugschluss in unserem Denken, wegen dem wir zu positiv an Planung herangehen.

Obwohl dieser Trugschluss nur allzu bekannt ist, planen viele Unternehmen und Teams ihre Aufgaben immer noch nach einer fixen Stundenzahl. Das führt zu sehr starren Konstrukten und Deadlines in der Planung, die kaum einzuhalten sind. Meistens ist man drüber. Manchmal drunter. Beides nicht optimal für eine gute Planung. Eine Methode aus dem Agile Software Development schafft Abhilfe: Story Points.

Agile Planung

Agile Software Development ist ein Zugang im Projekt-Management, in dem nicht alles von vornherein fix geplant ist. Stattdessen gibt es kurze Planungszyklen, frühe Prototypen und die Möglichkeit, Dinge zu ändern, wenn es Sinn macht. Story Points passen perfekt in diese Denkweise.

Sie können die Planung durch Zeit im Projektmanagement ersetzen. Dabei sind sie flexibler und beinhalten mehr Informationen als eine einfache Zeitangabe. Zusätzlich zum Aufwand geben die Punkte auch wider, wie komplex die Aufgabe ist und wie viel Risiko bzw. Unsicherheit sich in ihr verbirgt.

Anfangs ist das noch ungewohnt, die Vorteile zeigen sich aber bald. Ein Beispiel: Das Team muss eine Funktion in das aktuelle Produkt einbauen. Niemand hat Erfahrung damit, aber es sollte eigentlich schnell funktionieren. Wegen der Unsicherheit bekommt die Aufgabe 8 Story Points verpasst. Im nächsten Sprint soll die Funktion für ein anderes Produkt folgen. Diesmal gibt es nur 5 Story Points, denn die Unsicherheit ist gesunken.

Fibonacci

Neben der Mehr-Information bieten Story Points noch weitere Vorteile. Unter anderem bekämpfen sie effektiv die Planning Fallacy. Dafür bekommen sie Unterstützung durch die Fibonacci-Sequenz, in der die Story Points organisiert sind. Anstelle also einfach 1,2,3,…,9,10 zu zählen, zählt man bei Story Points meist 1,2,3,5,8,13,21, … Das hat den Vorteil, dass die Abstände zwischen den höheren Zahlen auch größer und sichtbarer werden. Der Unterschied zwischen 8 und 13 ist ja auch größer als zwischen 6 und 7. Das erleichtert das Schätzen.

Außerdem werden die Punkte nicht einfach von der Projektleitung vergeben, sondern entstehen klassischerweise im Gespräch. Das ganze Team sitzt zusammen und bestimmt sie gemeinsam im “Planning Poker”.

Hier haben alle ein Kartenset mit den Werten der Fibonacci-Sequenz und schätzen verdeckt, wie viele Story Points sie einer Aufgabe geben würden. Auf Kommando decken alle auf. Danach ergibt sich meistens durchs Gespräch, wie viele Punkte eine Aufgabe bekommen sollte. Durchschnittswerte gibt es nicht, nur Einstimmigkeit. Das ganze Team sollte einverstanden sein.

Fallstricke

Auch sollte nicht eine Person allein über die Punkte entscheiden, nur weil sie vielleicht am meisten darüber weiß. Die Idee von Story Points ist, dass alle ihren Senf dazugeben können, damit etwaige Probleme schon früh entdeckt werden. Sprich: Design, Entwicklung und Marketing schätzen auch gegenseitig. Denn auch wenn zu viele Kochende den Brei verderben können, sehen sechs Augen mehr als zwei.

Außerdem sollte man während einem Sprint die Finger vom Wert lassen. Wenn man sich verschätzt hat und die Story Points eigentlich niedriger oder höher sein sollten, sollte man den Wert einfach belassen. Man kann schließlich in der Zukunft von der Fehlschätzung lernen.

Nicht alles braucht sie

Abschließend braucht auch nicht alles Story-Points. Einem Facebook-Posting muss man wohl keine Punkte zuschreiben, wenn man weiß, wie lang es dauern wird, es zu schreiben. Das gleiche gilt auch für kurze Recherchen, für Meetings und ähnliches. Zeitblöcke funktionieren hier gleich gut oder sogar besser. Und auch Aufgaben, die man nicht abschließen kann – zum Beispiel Community-Management – haben keine Story Points verdient.

Man sollte sich übrigens auch nicht täuschen lassen. Nur weil Story Points aus der Software-Entwicklung kommen, heißt das nicht, dass sie nicht auch für andere Bereiche geeignet wären. Auch Management, Marketing, Design und können von Punkten profitieren. Die Leute in den Bereichen sind schließlich auch nicht besser im Schätzen als andere.

Wir arbeiten schon lange mit Story Points und profitieren von der flexibleren Planung. Ihr wollt ebenfalls in den Genuss kommen?